Hochzeit über den Wolken
Zwei Berliner durften als erstes schwules Paar im Flugzeug heiraten. Aus Warschau kam das erste Lesbenpaar. Eine Reportage über höchste Gefühle auf engstem Raum
Flug SK903 nach New York startet am 6. Dezember 2010 pünktlich um 10.40 Uhr in Stockholm. An Bord sind Aleks und Shantu aus Berlin. Fünfzehn Minuten später sind die beiden verheiratet und Pioniere der Luftfahrt: das erste schwule Paar, das während eines Fluges getraut wurde.
Über 300 Homopaare aus ganz Europa beteiligten sich an der Social-Media-Kampagne „Love is in the air“ der skandinavischen Fluggesellschaf SAS. Der Gewinn: eine Hochzeit im Fluge. Mit ihrer Bewerbung gewannen Aleks und Shantu die Herzen der Internetgemeinde und mit über 80.000 Votings die Traumhochzeit über den Wolken. Auf Platz zwei landeten Ewa und Gosia aus Warschau. Auch sie durften sich auf dem Flug über den großen Teich trauen lassen – als erstes lesbisches Paar. Es folgte eine ausgelassene Party an Bord mit Show-Einlagen der rein schwul-lesbischen Crew und jeder Menge Champagner. „Die Stimmung im Flieger war unbeschreiblich“, erzählt Shantu mit strahlenden Augen.
Die Kabine wurde zum liebevoll dekorierten Standesamt
Am 4. Dezember flogen die vier für die letzten Vorbereitungen in die schwedische Hauptstadt. Am frühen Morgen des 6. war es dann so weit: Die gesamte Business-Class mit 32 Sitzen war für die Hochzeitsgesellschaft, Vertreter von SAS und Presse reserviert. Johan Pettersson, königlicher Florist von Schwedens Kronprinzessin Victoria, hatte die Kabine in ein Trauzimmer der Extraklasse verwandelt. Sogar die Waschräume waren mit Rosen geschmückt. In der Mitte der ersten Reihe saß das Gewinnerpaar aus Berlin, in Reihe zwei Ewa und Gosia mit Blick auf das Blumenherz, das vor ihnen angebracht war.
Nach dem Start geht alles sehr schnell. Kaum sind die Anschnallzeichen erloschen, geben sich Aleks und Shantu in 7.000 Meter Höhe über dem schwedischen Borlänge das Jawort. Nur wenige Minuten später heiraten Ewa und Gosia. Beide Hochzeiten mussten im schwedischen Luftraum stattfinden, wo die Homo-Ehe legal ist. Die Trauung vollzog Christofer Fjellner (34), jüngster schwedischer Abgeordneter im Europaparlament. Wie viele Schweden besitzt er eine Lizenz, Trauungen durchführen zu dürfen. „Die Homo-Ehe ist eine schwedische Errungenschaft, auf die ich ungeheuer stolz bin“, betont der konservative Nachwuchspolitiker.
Die lesbische Hochzeit erregte in Polen viel Aufmerksamtkeit
Im Spätsommer vergangenen Jahres waren beide Paare auf die „Love is in the air“-Aktion gestoßen – wie rund 120 Millionen Menschen weltweit. „Wir fanden die Kampagne eine gute Möglichkeit, mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen, für das wir uns selbst seit 20 Jahren einsetzen“, erklärt Gosia (42). In Polen gebe es weder Homo-Ehe noch eingetragene Partnerschaft. Anders als in Deutschland stieß die Werbeaktion in Polen deshalb auf teils heftige Reaktionen: „Wir hatten nicht erwartet, dass unsere Bewerbung vier Monate lang eine solche mediale Aufmerksamkeit erregt“, sagt Gosia verblüfft. Und ihre Frau Ewa (33) bedauert: „Leider hat der Trauschein, der uns so viel bedeutet, keine Gültigkeit in unserer Heimat.“
Da hatten es die beiden Berliner einfacher. Über das Thema Heirat hatten Aleks und Shantu immer mal wieder gesprochen. An Heiligabend 2008 fasste sich Shantu dann ein Herz. Mit einem Verlobungsring ging der 31-Jährige vor dem zwei Jahre älteren Aleks auf die Knie und fragte, ob dieser den Rest seines Lebens mit ihm verbringen wolle.
Eigentlich hatten sich die beiden den 29. Mai 2010 als Termin ausgesucht, den siebten Jahrestag des Paares. Doch ihre Lieblingslocation war belegt, die Hochzeit wurde vertagt. Da kam die SAS-Kampagne gerade recht: „Es war witzig, kreativ und einfach genau das, was am besten zu uns passte“, erzählt Aleks. Noch bevor er Shantu davon erzählen konnte, bastelte er schon an der Bewerbung.
Ein Vierteljahr später feiern die beiden ihre Hochzeit mit Menü und dreistöckiger Hochzeitstorte auf dem Weg nach New York. „Es war der kurzweiligste Flug unseres Lebens“, schwärmt Aleks. „Unvergesslich war, wie die Crew ,I Am What I Am‘ sang.“
Mehr Bilder und Videos der Hochzeiten unter: http://love.flysas.net/
Text: Sonya Winterberg
Foto: Nicole Lüttecke
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