Willst du mich heiraten?
Schon immer gab es glückliche Homopaare. Müssen sie jetzt mit dem Heiraten anfangen? Zwei Antworten in Briefform auf die Frage aller Fragen
PRO: Ein ehrliches „Ja“ von Gina Tonic (Foto oben links)
Ja, ich will! – Toll, dass du dich endlich getraut hast, die Frage aller Fragen zu stellen, Boy. Irgendwann will sogar ein international beneidetes Topmodel wie die Tonic in den Hafen der Ehe einfahren – und was wir uns dann auf unserer Hochzeitsparty alles einfahren, weiß ich auch schon.
Apropos Party: die ist sowieso das Beste an dem ganzen Hochzeitskrempel. Denn wenn Schwule überhaupt irgendetwas gut können, dann ja wohl feiern. Nicht nur, dass ich ein sehr schönes und teures Prinzessinnenkleid tragen werde, unsere Muttis heulen und die Väter mit der Kamera draufhalten, nein! Eine Homohochzeit ist einfach ein Statement an die moderne Gesellschaft.
Eine Hochzeitsnacht inklusive meiner Entjungferung? Vergiss es, da kommst du leider einige Dekaden zu spät. Die traumhafte Vorstellung von trauter Zweisamkeit in einer Doppelhaushälfte im Berliner Speckgürtel sowie gemütlichen Kniffelturnieren mit befreundeten Pärchen – interessiert mich alles nicht.
So ein Fest ist ja kein Abklatsch der heterosexuellen Normalität. Wir machen uns das nämlich auch schön! Beispiel: kein Manfred an der James-Last-Soundmaschine, kein Brautstraußwerfen und ganz sicher keine Hochzeitszeitung oder munteres Gedichte-Aufsagen. Ich denke da eher an eine Art After-Show-Party im Berghain mit Transen als Blumenmädchen und Ecstasy-Bowle als Aperitif. Danach beziehen wir unsere gemeinsame sehr großzügige Wohnung in Kreuzberg, und statt Kinder gibt es dann doch lieber Inder. Nämlich den Lieferservice direkt in die Beletage.
Wenn du dann deinen Traumjob in New York annimmst – frage erst gar nicht, ob deine Gattin mitkommt, um dir den Rücken freizuhalten! Denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind homosexuelle Ehepartner bei der Einwanderung leider nicht vorgesehen. Schade auch. Aber keine Panik! Wir sind ja glücklicherweise so modern, dass wir auch bei Facebook unser Eheglück zelebrieren. Da ist es ja eh echter als in Wirklichkeit. Das gefällt mir.
Und wir heiraten auf keinen Fall am 11.11.2011! Mein Wunschdatum: Donnerswoch, der trölfte Oktember … aber nur wenn da ein Brückentag ist.
Gina Tonic legt Platten auf und organisiert mit „Bollox“ eine der beliebtesten schwulen Partys in Berlin
CONTRA: Ein herzliches „Nein“ von Manuela Kay (Fotos oben rechts)
Nein, ich will nicht! – Meine Liebste! Seit du in meinem Leben bist, bin ich glücklich. Und ja: Ich liebe dich – vielleicht sogar für den Rest meines Lebens. Und ja, ich will dich nicht heiraten! Weil ich meine Liebe durch keinen Verwaltungsakt beweisen muss. Weil ich keine Angst davor habe, dass du mir ansonsten wieder davonläufst. Wenn du gehst, dann auch mit Heiratsurkunde. Und einen eventuellen Abgang durch einen großen Verwaltungsakt nur noch schwerer zu machen, liegt mir nicht.
Ich glaube dir, dass du mir in jeder Lebenslage beistehst und mich, wenn nötig, auch finanziell unterstützt. Genau wie ich es auch täte – für dich, aber auch für enge Freunde. Dies muss nicht durch eine eingetragene Partnerschaft besiegelt werden.
Nein, ich will dich nicht heiraten, um das heterosexuelle Zweierglück zu imitieren. Ich bin lesbisch und hebe mich gern von der Hetero-Mehrheit ab, deren Toleranz mir nur dann etwas bedeutet, wenn sie ehrlich ist und nicht nur ein Trend. Ich möchte nicht zu den „guten“ Homos gehören, weil meine Verhältnisse geordnet sind. Ich muss mich nicht bei Verwandten damit einschleimen, dass wir nunmehr „fast“ normal sind. Ich möchte nicht, dass diese Leute auf einer von mir bezahlten Party so tun, als würden sie unsere Homosexualität plötzlich okay finden, nur weil sich alles beinahe wie bei den heterosexuellen Töchtern anfühlt.
Ich möchte keine Vergünstigungen vom Staat erhalten. Ich zahle Steuern und Abgaben wie alle einzelnen Menschen auch und wünsche mir, dass dies in Zukunft für alle erwachsenen Menschen gilt – egal ob verheiratet, verpartnert oder nicht.
Ich möchte dich nicht heiraten, weil ich bei einer patriarchalen, sexualfeindlichen, auf Reproduktion, Moral und Monogamie basierenden Institution wie der Ehe nicht mitmachen möchte. Genauso wenig, wie ich das Recht brauche, als Frau eine Waffe in der Bundeswehr zu tragen oder Papst zu werden.
Vor etlichen hundert Jahren gab es die Ehe noch nicht einmal. Vielleicht waren die Menschen – und vor allem Frauen – ohne sie freier und unabhängiger, trotzdem aber fürsorglich und liebevoll?
Meine geliebte Freundin, lass uns leben, lass uns lieben. Und lass uns niemals heiraten!
Manuela Kay ist Chefredakteurin von L-MAG, Deutschlands Magazin für Lesben
Foto links: Gina Tonic fotografiert von Barbara Dietl
Foto rechts: Manuela Kay fotografiert von Tanja Schnitzler
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